Peter Radelfinger

Zu Peter Radelfingers Arbeit Kissen und Falten (von Ruth Schweikert)

Eine Handvoll Gedanken zu 1009 Kissen
Auftauchen aus dem Schlaf und nicht in den Spiegel schauen, um sich zuvergewissern, dass man noch da ist, die Zähne, der Mund, die Haut wiePergament um die Augen, stattdessen einen Stift in die Hand nehmen, ein Blatt Papier und das Kissen ins Visier, wie es daliegt auf dem Bett, ein wenig verloren vielleicht, knapp körperwarm noch von der kurzen Nacht oder der ausgedehnten Siesta in der südfranzösischen Sommerhitze. Zeichnen, abzeichnen, was man sieht, und gleichzeitig zusehen, wie sich die Zeichnung in der Geste des Zeichnens vom Abgezeichneten löst. Darüber Erleichterung empfinden oder so etwas wie Freiheit. Am nächsten Morgen dasselbe tun, am übernächsten, drei Wochen später.

Was hat man auf dem Kissenbezug zurückgelassen, von blossem Auge nicht erkennbar oder doch kaum: Bakterien, Viren, ein paar Schweisstropfen, abgestorbene Hautzellen, einen Hauch Aftershave oder Feuchtigkeitscreme, eine einzelne Wimper vielleicht. Sichtbar dagegen die Stoffoberfläche: Mulden und Falten, die vom Gewicht des eigenen Kopfes zeugen und von seiner Form, von den nicht rekonstruierbaren Bewegungen, die er im Schlaf oder in der Schlaflosigkeit vollzogen hat.

Innehalten. Und dann, je länger man sich in die Kissenlandschaft vertieft, in ihre unzähligen Kleinstflächen, ihre verschatteten Täler, Abhänge, Lichtseen und spitze Höhen, in die Fältchen und Faltenwürfe, die vielleicht gar ein Stück Stoff verbergen, umso näher rückt die Vorstellung, das Kissen sei mehr als ein möglicher Indizienträger für Kriminalisten, es konserviere womöglich gar Spuren der Träume, der Sehnsüchte und Nachtmahre, denen man eben erst mühsam entflohen ist; ja die verlorene Zeit selbst, die ich im Schlaf zurückgelassen habe, müsse im Kissen gespeichert sein, bilde ich mir ein und verspüre plötzlich den Impuls, dieses Kissen aufzubewahren, es haltbar zu machen, es in Kunstharz zu giessen und auszustellen und damit auch seine Geschichte; all die Geschichten, die es erzählen könnte. Das eigene Kissen als Spiegelbild, in das man sich verliebt, wie Narziss sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt hat.

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