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HANS WITSCHI - BEGINNINGS


© Hans Witschi, Landscape 30, 2022, Oil on primed cotton, 24 x 30 cm



«BEGINNINGS»


Empfindung und Reflexion leiten den Maler Hans Witschi (*1954 Luzern) bei seiner Arbeit. Ein offensichtlicher Widerspruch, denn die klassische Philosophie bezeichnet Fühlen und Denken als Gegensätze, wonach die Vernunft jederzeit das Gefühl unter Kontrolle halten muss. Das Anliegen des in New York lebenden Künstlers jedoch ist es, in seinen Werken eine gefühlte Wirklichkeit darzustellen. Intuitiv setzt er den Pinsel auf die Leinwand und gibt das Kunstwerk zur freien Disposition - im Bewusstsein, dass bei der Betrachter:in deren persönliche Geschichte auf diejenige des Künstlers treffen wird. Es liegt im Auge der Betrachter:in zu entscheiden, ob die roten und orangen Pinselstriche eine Morgendämmerung über dem Zürichsee oder die verbrannte Ödnis nach einem atomaren Desaster beschreiben. Die einzelnen Werke der neuen Bildreihe «Beginnings» zeigen viel ausgespartes Weiss und fein lasierte Bunttöne unter plastischen Farbformationen, welche als Landschaften, aber auch als abstrakte Studien gelesen werden können. Bewusst fehlt eine Referenz zu den Grössenverhältnissen und es ist unklar, wo die Landschaftsszene endet und der Hintergrund in seiner unendlichen Tiefe beginnt. Ist es die Hölle, der Himmel oder einfach ein Traum..?


Das hintergründig Unheimliche in den Bildern entsteht aus der Ambivalenz zwischen fröhlicher Farbsetzung und der unergründlichen Tiefe hinter dem Horizont. Mit den sprechenden Landschaften zeigt Hans Witschi grosse erzählende Kunst. Alles ist da, das Ende und der Anfang, destilliert auf einen Punkt der gefühlten Unendlichkeit, innere und äussere Landschaften bilden ein Bildmoment. Die Dimensionen aus Zeit und Raum verschmelzen im Ausstellungsraum, denn zu den Werken aus 2021 und 2022 zeigt die Schau auch frühe grossformatige Landschaftsbilder aus den 80er Jahren. Aus der hohen Perspektive eines Flugvogels scheint hier die Welt im grossen Spektrum der Blautöne unter den letzten Lichtstrahlen des Sonnenuntergangs ins Dunkel zu versinken - ist es die Apokalypse selbst?


Der Körper ist jener Ort, worin die Gedanken und Empfindungen entstehen. In Anbetracht dieser Tatsache erscheint das Schaffen des Künstlers Hans Witschi als Ausdruck innerer Lebendigkeit und Chaos: Dinge entstehen, blühen auf, vergehen und entstehen neu. Die Vision eines Körpers als Begrenzung und Verweigerung - wie es eigentlich eine frühe Versehrtheit aus Kindertagen erwarten liesse - zeigt sich bei Hans Witschi als irreführend. Im Gegenteil, mit seiner sensiblen Sicht als Aussenseiter erforscht er in «Beginnings» die Weite und das Unbekannte. Denn aus der Perspektive dieser eigenwilligen Künstlerposition ist in Gedanken alles möglich und das Unsichtbare sichtbar. Wir verstehen, dass die Welt, in der wir leben, nur eine von vielen möglichen Welten ist.


Johanna Encrantz



«Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können». Friedrich Nietzsche


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